27Nov 2017

Nächste Woche kommt die Antenne vom Berliner Fernsehturm unter den Hammer. Und noch viele andere. Denn das Radio ist nicht totzukriegen.

Der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz ist ein faszinierendes Gebäude. Rank und schlank ragt er auf 368 Metern in die Höhe und ist damit das höchste Bauwerk in Deutschland. Die runde Kugel am oberen Ende soll an die Erkundungserfolge des sowjetischen Sputnik-Satelliten erinnern, so war das bei der Erbauung Mitte der 1960er Jahre gedacht. Heute locken eher das Restaurant mit spektakulärem Blick (Currywurst 8,50 Euro) und eine Aussichtsplattform (Eintritt für Erwachsene ab 13 Euro).

Nicht minder interessant, wenn auch weniger spektakulär: die lange weiß-rot gestreifte Antenne, die weit in den Berliner Himmel ragt. Nicht auszuschließen, dass die Heerscharen von Touristen auf dem Alexanderplatz sie eher für Dekoration halten, wenn sie sich denn überhaupt Gedanken über ihre Funktion machen. Dabei ist sie – noch immer – der Grund, warum es den Fernsehturm überhaupt gibt. In schwindelerregender Höhe sorgt sie seit 1969 dafür, dass die Berliner über Ultrakurzwelle – UKW – ihre Radiosender empfangen können.

Diese Antenne steht nun von Montag an in einer Auktion zum Verkauf, genauso wie 700 andere Antennen in ganz Deutschland, auch die auf dem Frankfurter Fernsehturm, Ginnheimer Spargel genannt. Bis zu 300000 Euro kosten besonders herausragende Stücke wie in Berlin und in Frankfurt. Weniger prominente Exemplare sind auch für weniger als 10000 Euro zu haben. Auf maximal 50Millionen Euro hofft der Verkäufer Media Broadcast. Dass hier keine Mondpreise wie bei Leonardo da Vinci zu erwarten sind, liegt am Design der Auktion als „holländisches Modell“. Für jedes Antennen-Paket ist ein Maximalpreis festgelegt, der in der Auktion nicht von unten nach oben, sondern umgekehrt von oben nach unten gezählt wird.

Wer die Spannung beim Runterzählen nicht mehr aushält, schlägt zu. Diese großangelegte Verkaufsaktion ist einer breiten Öffentlichkeit bisher weitgehend unbekannt, doch sie sorgt im Radiomarkt schon seit geraumer Zeit für Erschütterungen. Schließlich ist sie Ausweis dafür, dass dort gerade dramatische Veränderungen stattfinden. Die geplante Auktion besiegelt nichts weniger als das Ende eines jahrzehntelangen Monopols, das wesentlich länger währte als die ähnlich strukturierten Post- und Telekommunikationsdienste. Diese wurden schon vor Jahren privatisiert und mehr oder weniger erfolgreich dem Wettbewerb preisgegeben.

Dabei kann man sich getrost fragen, ob hier nicht unter viel Tamtam eine veraltete Technologie an die Wettbewerber und Finanzinvestoren gebracht werden soll. Allerdings eine, die sich als erstaunlich widerstandsfähig erweist. Dazu muss man wissen: Das Radio hält sich hartnäckig, aller Nörgeleien über die Beschränktheit des Mediums zum Trotz. Die Menschen lieben ihr Radio – im Auto, in der Küche, im Bad, in den Amtsstuben. Mehr als 150 Millionen Radiogeräte gibt es in Deutschland, durchschnittlich hören die Menschen fast drei Stunden Radio – am Tag. Und sie lieben es vor allem in seiner traditionellen Form als UKW-Radio: Dem aktuellen Digitalisierungsbericht der Medienanstalten zufolge benutzen knapp 70 Prozent der Menschen vorwiegend UKW-Radio.

Das Digitalradio in Gestalt der neuen Technologie „DAB plus“ ist zwar im Kommen, keine Frage, der Anteil der Haushalte mit DAB plus hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdreifacht. Aber im Vergleich mit der Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung unser sonstiges Leben durchdringt, sind die bisherigen Erfolge geradezu bescheiden: Knapp zehn Millionen DAB- plus-Geräte gibt es in Deutschland, ein Drittel davon in Autos. Diese Zahlen sind deshalb so erstaunlich, weil das Digitalradio gegenüber der Ultrakurzwelle einen fundamentalen Vorteil hat: ein nahezu grenzenloses Angebot sowohl in der Zahl der Sender als auch in ihrer flächendeckenden Erreichbarkeit, und das in besserer Hörqualität.

Damit wäre das ohrenbetäubende Knarzen am äußersten Rand eines Sendegebietes eigentlich Vergangenheit. Das „Radio aus Hessen“, Hit-Radio FFH, bliebe uns auch nach dem Übertritt der rheinland-pfälzischen Landesgrenze noch in tadelloser Qualität erhalten, ohne dass wir auf eine pfälzische Variante von Dudelfunk ausweichen müssten. Doch DAB plus ist in deutschen Autos noch lange nicht Standard, sondern oft nur mit einem Aufpreis von rund 300Euro zu haben. Stattdessen regiert noch immer UKW, und es scheint auch kaum jemanden zu stören. Ganz im Gegenteil: Die Beständigkeit des UKW-Netzes in unseren Breitengraden scheint ein untrüglicher Beweis dafür, dass der Mensch eben nicht ausschließlich nach technischer Perfektion strebt. Das mag daran liegen, dass auch Radiosender selbst UKW lieben, jedenfalls wenn sie einmal in der glücklichen Lage waren, eine Frequenz zu ergattern. Neue werden nicht mehr vergeben, alles ausgebucht. Deshalb haben es die Alteingesessenen besonders bequem, der Wettbewerb verläuft auf ewig in den bekannten Bahnen.

Die Radiosender lieben UKW auch deshalb, weil wiederum die Werbekunden UKW lieben, übrigens nicht trotz, sondern gerade wegen der regionalen Beschränkungen. Für Warsteiner, Volkswagen und Carglass mag es sinnvoll sein, die Werbebotschaften in die ganze Republik zu streuen, für den städtischen Kinobetreiber und den Optiker im Ortszentrum natürlich nicht. Und auch sie sind es, die in diesem Jahr voraussichtlich 790 Millionen Euro in den Radio-Werbemarkt pumpen. Das wäre eine Steigerung von 3,3 Prozent, wie der Verband Privater Rundfunk und Telemedien prognostiziert. Das schützt den UKW-Markt allerdings nicht dauerhaft vor Veränderung.

Gerade macht er eine fundamentale Umwälzung durch, die andere Branchen schon längst hinter sich haben. Regiert wurde er lange Jahre von der Deutschen Bundespost, ihr gehörte ein Großteil der deutschen Antennen, die dafür sorgten, dass die Radiosender ihre Inhalte an die Hörer strahlen konnten. Nach dem Ende der Deutschen Bundespost übernahm die Media Broadcast das Geschäft, weitgehend ungestutzt. Als Unternehmen mit „marktbeherrschender Stellung“ unterliegt sie der Regulierung der Bundesnetzagentur in Bonn, die streng darüber wachte, dass das Unternehmen den Radiosendern für die Bereitstellung seines Netzes nicht zu viel Geld abknöpfte. Dass dieses Monopol nicht von Dauer sein konnte, versteht sich in einer von Wettbewerb geprägten Marktwirtschaft von selbst, schließlich mussten sich auch der Energie- und der Telekommunikationsmarkt unter Schmerzen öffnen.

Das Grundprinzip bei der Liberalisierung war stets: Der Monopolist darf das Netz behalten, muss aber den Wettbewerbern zu angemessenen Preisen Zugang verschaffen. Was dies in der Praxis bedeutet, kann man im Telekommunikationsmarkt sehen: Die Deutsche Telekom herrscht über das Netz, aber kleinere Wettbewerber wie 1&1 können ihre Dienste trotzdem an den Kunden bringen. Ähnliches schwebte dem Gesetzgeber vor einigen Jahren auch für den UKW-Markt vor, mit zwei entscheidenden Unterschieden: Dem Hörer ist der Wettbewerb in diesem Markt reichlich egal, solange er nur sein „Radio Bob“ in den beschriebenen Grenzen problemlos empfangen kann.

Die dramatische Umwälzung, die gerade vor sich geht, bekommt er im Zweifel gar nicht mit. Sie betrifft vor allem die Radiosender selbst, die für die technischen Angebote der Media Broadcast zahlen müssen. Für sie hat sich die Auswahl in den vergangenen Jahren schon erhöht. Ähnlich wie 1&1 sind neue Anbieter wie Uplink oder Divicon entstanden, die das Netz der Media Broadcast mieten und ihre Dienste an die Radiosender verkaufen. Sie bringen zu der Antenne meist modernere Sendeanlagen, haben weniger Verwaltungskosten und können ihre Dienste damit günstiger anbieten. Der zweite Unterschied ist im Rückblick noch kurioser: Die Öffnung des Marktes erfolgte erst, als man ihn eigentlich schon auf dem Sterbebett wähnte.

Eine Novelle des Telekommunikationsgesetzes im Jahr 2012 beendete einerseits die restriktive Vergabe der Senderrechte und sorgte für eine Öffnung. Gleichzeitig wollte man die Technik aber endgültig begraben: Die Ultrakurzwelle sollte eigentlich schon Ende 2015 abgeschaltet werden, um den Weg für das Digitalradio DAB plus frei zu machen, so sah es der Gesetzesentwurf ursprünglich vor. Das wäre auch im internationalen Vergleich gar nicht ungewöhnlich, Länder wie Norwegen haben sich schon davon getrennt. Doch die voreilige Bestattung der Technologie ist abgeblasen.

Derzeit scheint die Technik so vital wie zuvor, nur scheiden sich die Geister bei der Frage, wie lange dies noch der Fall sein wird. Die strenge Regulierung jedenfalls ist nun angeblich auch der Grund, warum der Monopolist nun alles hinwirft, so sagt es zumindest die Media Broadcast, als sie sich Anfang des Jahres überraschend für den Verkauf ihres gesamten Netzes entschied. Unter der bestehenden „Doppelregulierung“ im Bezug auf Wettbewerber und Radiosender könne man es nicht wirtschaftlich betreiben, deshalb verkaufe man es lieber ganz. Das kam einem Paukenschlag gleich. In dieser Entschiedenheit hat sich bisher noch kein Betreiber von seinem Netz getrennt. Andere hingegen behaupten: In der Situation des technischen Umbruchs sei die Regulierungsbehörde mit ihren rigiden Vorgaben zur Preisgestaltung gerade rechtgekommen. Das habe Media Broadcast und vor allem der Muttergesellschaft Freenet die Gelegenheit gegeben, ihr Geschäftsmodell anzupassen. Künftig wird sich die Media Broadcast nicht mehr mit UKW abgeben müssen, sondern kann sich störungsfrei auf alles Digitale konzentrieren, sowohl in Bezug auf Radio als auch auf Fernsehen. So oder so hat die Bundesnetzagentur als „Wettbewerbsförderungsbehörde“ jedenfalls ihr Ziel erreicht: Neue Wettbewerber nehmen dem Platzhirsch Marktanteile weg, mit der eher unerwarteten Konsequenz, dass der ganz von der Bildfläche verschwindet.

Auch für die Bundesnetzagentur bedeutet das längerfristig weniger Arbeit, zumindest in diesem Bereich. Natürlich muss sie die neue Situation erst einmal umfassend analysieren, aber schon jetzt ist klar: Unternehmen ohne Marktbeherrschung müssen nicht vom Staat überwacht werden. Wettbewerb, so heißt es immer so schön, ist das stärkste Regulativ. Deshalb müssen nun also für mehr als 1000 Antennen in ganz Deutschland neue Eigentümer gefunden werden, was angesichts der unsicheren Zukunftsaussichten kein leichtes Unterfangen ist. Ein Drittel wurde schon in einer ersten Phase verkauft, vor allem an die Wettbewerber Uplink und Divicon, aber auch einige Radiosender selbst haben in die Infrastruktur investiert. Der Rest von 700 Antennen wird nun bei der offenen Internet-Auktion von Montag an verkauft.

Jeden Tag gehen etwa fünf Antennenpakete auf den Markt, rund zwei Wochen wird der Verkaufsprozess wohl dauern. Anlagen, die auf diesem Weg keinen neuen Eigentümer finden, werden abgebaut. Die Bieter auf der Auktion halten nun den feuchten Finger in den Wind, der den Fernsehturm am Alex umweht, um zu erahnen, wie lange uns die UKW-Technologie noch erhalten bleibt. Mindestens zehn bis fünfzehn Jahre lässt sich damit noch ordentlich Geld verdienen, so schätzen Marktteilnehmer, die von Montag an mitbieten werden. Vielleicht auch noch länger. Dafür kann man schon mal die eine oder andere Antenne kaufen.

Quelle: www.faz.net